Älter werden
Das Licht in meinem Badezimmer lässt zu wünschen übrig. Ich staune jedes Mal, wenn ich in einem Hotelzimmer in den Spiegel schaue. Was da in meinem Gesicht für Gräben (und anderes) zum Vorschein kommen! Wie tröstlich, dass ich gerade jetzt erst während ich im Sauseschritt auf die 50 zueile, im SZ-Magazin die Kolumne von Mechthild Gossmann entdeckt habe. In der „Oma-Kolumne“ mit dem Titel „Was ich an Tinder mag“, schreibt sie: „Wenn ich in meinem doch recht langen Beziehungsleben eine Sache gelernt habe, dann: Es geht wirklich nicht ums Aussehen. Viele Menschen sind in jungen Jahren schön. Aber alle bekommen Falten und dritte Zähne. Anders ist es mit dem Humor. Wenn jemand als Teenager gute Witze erzählen kann, dann kann er das als Rentner auch noch.“ Danke. Da glätten sich gleich wieder die Sorgenfalten auf meiner Stirn, denn eben haben mich auf Instagram noch die schönen Antlitze von Lena Gercke (34), Lena Meyer-Landrut (30) und Caro Daur (27) angelächelt. Wobei man natürlich jetzt zugeben muss, dass die auch alle einen passablen Humor vorweisen können.
Die Oma-Kolumne ist schon lange in Ruhestand, aber ich lese sie jetzt erst. Kürzlich klönte ich via Facebook mit einem Bekannten aus der Heimat über früher, und die Kneipen, in denen wir uns als Schüler*innen herumtrieben. „Und wenn du dann mal wieder hier bist, gehen wir feiern“, schrieb er zum Schluß und meine Schlagfertigkeit war dahin. Feiern?! Hatte ich darauf überhaupt noch Lust? Ich wage es kaum zu sagen, aber ich habe gemerkt, dass ich meinen Rhythmus „früh ins Bett, früh wieder raus“ sehr gerne mag. Ich schlafe schlecht, wenn ich mich nach 22 Uhr hinlege, ich weiß nicht einmal, wann ich zum letzten Mal einen Film nach 20.15 Uhr angeschaut habe. Erschreckend? Erschreckend spießig? Mag sein.
Früher hieß ich in meinem Freundeskreis „Funkygirl“. Ich trug Schlaghosen, dabei bin ich nicht in den 60ern sondern Ende der 70er geboren und mit 16 liess ich mir von einer Afrikanerin Rastazöpfe in mein nordeuropäisches Haar flechten. Mit 20 hatte ich Extensions. Heute gehe ich, wenn ich es richtig gut mit mir meine, einmal im Jahr zum Friseur und lasse den nur mit Bioprodukten an meinen Kopf. Meine Haare werden grau, meine Gesichtsfalten tiefer. Egal. Hauptsache bio.
Trotzdem habe ich immer noch den Eindruck, Funkygirl zu sein, dieser Titel erlischt nicht. Vor kurzem posteten meine früheren Klassenkameraden*innen einen Nachruf auf den Hausmeister unserer alten Schule. Was für ein Schreck! Hausmeister*innen, Lehrer*innen, Mitschüler*innen, – die werden alle nicht älter, wenn man sie zum letzten Mal bei der Abifeier gesehen hat. Wenn man früh die Heimat verlassen hat, bleiben alle Menschen, die man damals kannte, gewissermaßen da stehen, wo man sie zuletzt wahrgenommen hat. Sie altern nicht in meiner Erinnerung. Vielleicht ist das Selbstschutz, ich will gar keine Bilder sehen! Schon gar nicht von denen, für die ich als Teenager geschwärmt habe. Wir werden alle nicht älter! Nein! Nur die eigenen Kinder natürlich, die wachsen wie verrückt. Gerade kamen sie aus dem Bauch, da werden sie auch schon eingeschult und ich denke immer noch, ich sei die 19-Jährige, die frisch vom Abitur das Dorf Richtung Berlin verlässt. Oder wenigstens die 30-Jährige, die alleine mitten auf einer Skipiste im Berner Oberland wohnt. Das waren Zeiten! Ich denke jeden Tag, was für eine coole Mama ich bin und zum Glück sind meine Kinder noch nicht alt genug, mir zu erklären, wie peinlich ich ihnen manchmal sei.
Glücklicherweise habe ich mich aber doch verändert. Und wie. Na klar. Ich gehe schließlich um 21 Uhr ins Bett! Ich verstehe jetzt die Frauen, die damals, als ich noch 20 war, 40 waren und darüber schrieben, wie schön das Leben mit einer gewissen Reife sei. Ja wirklich. Ich kann meiner Lebenserfahrung eine Menge abgewinnen. Und der Art und Weise, wie ich mich verändert und meine Werte neu definiert habe. Ich glaube, heute zu wissen, worauf es im Leben ankommt. Wenn meine Falten mich stören, mach ich einfach das Licht aus. Und auf Instgram eile ich auf das Profil von Ildiko von Kürthy, wann immer ich mich versehentlich mal wieder bei Caro Daur verirrt habe. Von Kürthy hat so einen herrlichen Humor zum Thema Älterwerden und anderen gefallen zu wollen … Aber das ist jetzt auch nicht fair, den Humor als erstes zu nennen und dann erst über ihre Schönheit zu sprechen … Denn ich finde Ildiko von Kürthy schön und lustig. Zweifellos.
